Geschichte der Väter

Die Geschichte unserer Väter ist untrennbar mit der Geschichte unserer Mütter verknüpft. Erst die Würdigung aller Frauen und Männer, die als Mütter und Väter das Überleben unserer Spezies gesichert haben, öffnet die Tür für ein ehrliches Verständnis der Welt, in der wir heute leben. Gewalt und Konkurrenz, das Pendeln zwischen Frieden und Krieg, prägen seit ca. zehn Jahrtausenden das Schicksal der Menschheit i m Patriarchat. Lineares Denken und die Logik des Wachstums haben uns kollektiv an einen Punkt geführt, der das Scheitern dieses Konzeptes offenbart. 

Gleichzeitig wissen wir heute aus der modernen Matriarchatsforschung, dass es unseren Vorfahren über einen viel längeren Zeitraum gelungen ist, mit den Müttern im Zentrum der Gesellschaft die Überwindung der Konkurrenz zu Gunsten der Kooperation als menschliche Kulturleistung zu erbringen. Das rhythmische Weltbild und ein Leben im Einklang mit Natur und Kosmos sind unser älteres Erbe.

Heute tragen wir die Erinnerung an beide Epochen als Informationen in unseren Zellen. Die Geschichte meiner Väter soll zeigen, wie Frieden und Krieg das Schicksal des Einzelnen und der Gesellschaft prägen. 

Carsten Schubert

Gewalt formt Gestalt

Gewalt gegen Frauen, Kinder, Nachbarn und Natur ist das schattige Erbe des Patriarchats. Gewalt schafft Struktur. Im physischen Außen stabilisiert sie über Regeln und Kultur den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Im psychischen Innen trennt sie den Einzelnen von seiner ursprünglichen Natur. Der Mensch übernimmt Sichtweisen von außen und formt daraus seine innere Welt. Seit ca. zehn Jahrtausenden prägt lineare Logik von Wachstum, Konkurrenz und Expansion das Pendeln der menschlichen Geschichte zwischen Krieg und Frieden. Die gute Nachricht lautet: Es gab vorher friedliche Zeiten, in denen Kooperation als menschliche Kulturleistung erschaffen wrude

Geschichte meines Vaters

Kriegskind 1945

Mein Vater Claus wurde im Juni 1944 in Sachsen geboren. Sein Vater Fritz war Kriegsteilnehmer  an der Ostfront und kehrte im Mai 1945 als Invalide zurück. Claus war fast ein Jahr alt, als er seinen Vater zum ersten mal sehen konnte.

Traum leben

Der Traum vom Fliegen scheiterte an einem Sehtest. Trotzdem lernte er den Beruf des Flugzeugmechanikers. Er suchte sich andere Ziele und fand sie im Sport.

Was trieb die Generation der Kriegskinder voran? Riskierten sie mehr im Leben als ihre Eltern? Welche Träume blieben ungelebt? Welches Trauma blieb unbeweint und wurde unbewusst weitergegeben?

Leistung

Claus war Leistungssportler. Er nahm an Weltmeisterschaften teil, war Olympiakader im Biathlon. Später studierte er Sport auf dem zweiten Bildungsweg und wurde Biathlon-Trainer. Das Leisten und Messen erfasste mich als Sohn und durchdrang den Alltag meiner Kindheit. Werte und Gewohnheiten übernahm ich so von ihm. 

Den letzten Abend seines Lebens verbrachte er mit Kollegen auf einer Dienstreise. Wie das so ist unter Männern: Kippchen, Bierchen, spät ins Bett. Am nächsten Tag auf der Autobahn sah er den panierten LKW auf seiner Spur zu spät. Er starb sofort mit 32 Jahren.  

Die Trauer über den Verlust meines Vaters konnte ich erst vier Jahrzehnte später in ihrer Tiefe erleben. 

Der Vater meines Vaters

Kriegskind 1918

Mein Großvater Fritz (1.v.r.) wurde 1909 in Klingenberg/Sachsen geboren. Im 1. WK erlebte er, wie zwei seiner Onkel im Krieg blieben. Diese Erfahrung prägte sein Leben. Gemeinsam mit seinem Bruder Walter (2.v.l.) wuchs er mit dem Wunsch auf, sich für den Frieden in der Welt einzusetzen. Als junge Männer lernten sie Handwerksberufe. 


Jugend 

Fritz und Walter lernten im Handwerk die Berufe Holzbildhauer und Zimmermann. Während der Weltwirtschaftskrise 1929-1930 verloren sie ihre Arbeit und wanderten als Tagelöhner durch Europa. Der Ärger über dieses unsichere Leben mobilisierte ihr Engagement für die Rechte der Arbeiter. Sie traten der kommunistischen Partei bei und wurden aktive Widerstandskämpfer gegen den Faschismus. 

Waldheim

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden Fritz und Walter verhaftet und 1934 wegen „Hochverrat“ zu 4 Jahren Zuchthaus in der Strafanstalt Waldheim verurteilt. Fritz kam 1937 frei, sein Bruder Walter wurde ins KZ Buchenwald gebracht. Dort war er als politischer Gefangener am Aufbau des Lagers beteiligt. Im April 1939 kam es anlässlich des 50. Geburtstages des Reichskanzlers zu einer Amnestie. Am Morgen des 29.4.1939 durfte jeder 50. Häftling nach dem Morgenappell das Lager verlassen. Das Foto zeigt meinen Urgroßvater Bernhard (1.v.

Der Vater meines Großvaters