Carsten Schubert

Seit 15 Jahren arbeite ich als Coach . Ich durfte hunderte Menschen in tausenden Stunden intensiver Begegnung durch schwierige Zeiten in befreiende Momente begleiten.

Dabei erfuhr ich, dass der Unfrieden mit dem Vater und der tiefe Wunsch nach Versöhnung immer wieder als Grundmuster in den zwischenmenschlichen Konflikten durchschien.

Meine persönliche Entwicklung nahm erst im 47. Lebensjahr richtig Fahrt auf, als ich meine Vaterwunde  in Begleitung eines Lehrers transformieren konnte. 

Sieben Jahre lang erforschte ich die Geschichte meiner Familie und lernte, wie stark das Schicksal meiner Großväter und deren Väter mit ihren Kriegserlebnissen in meinem Leben nachwirkt.

Im Projekt Vaterfrieden  habe ich mein berufliches Wissen und persönliche Erlebnisse zu einem Konzept verbunden.

Die Versöhnung in 8 Schritten ist die Essenz meiner Erfahrungen. Mit meiner Arbeit möchte ich Töchter und Söhne dabei unterstützen, Frieden mit Vater, Mutter und dem Leben zu schließen.

Meine Geschichte

Geboren wurde ich 1966 in Glashütte im Erzgebirge. Meine Eltern sind Kriegskinder (Jg. 1941/1944). Beide Großväter verbüßten politische Haftstrafen im Zuchthaus Waldheim/Sachsen. Der eine im Nationalsozialismus, der andere im Sowjetkommunismus. Mein Vater starb, als ich neun Jahre alt war. 

Nach einer Handwerkerlehre als Tischler, Wehrdienst und Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte ich 1990 Wirtschaftswissenschaften in Deutschland und Frankreich. 

2000 zog ich nach Frankfurt am Main und absolvierte neben der Arbeit im Büro Ausbildungen zum Psychologischen Berater (Akademie für ganzheitliche Lebens- und Heilweisen) und Coach / Supervisor (weiterbildendes Studium Fakultät Sozialwissenschaften) an der Fachhochschule in Frankfurt. 

Seit 2006 arbeite ich als Coach , ab 2010 mit dem Schwerpunkt JobCoaching.  Ich habe über 10.000 Stunden Erfahrung in der Arbeit mit Menschen in persönlicher und beruflicher Neuorientierung. Dabei trat die Vaterwunde und die Last der Nichtvergebung immer wieder hervor.

Neben meiner Arbeit begleitet Therapie, intensiver Selbsterfahrung und spiritueller Reifung meine Weg. 

2018 begann ich mit der Begleitung von Einsteigerseminaren für Kriegsenkel und erlebte, wie das Schicksal der traumatisierten Kinder des Krieges in ihren Kindern nachwirkt.

2021 verdichtete ich mein Wissen aus 38 Jahren Berufs- uns Selbsterfahrung im Projekt Vaterfrieden mit dem Konzept der Versöhnung in 8 Schritten.

10 Jahre Vater-Teilzeit

Der neue Vater?

Als ich Vater wurde, wollte ich es anders machen als meine Vorväter. Gemeinsam mit meiner Frau organisierten wir als Familie für 10 Jahre von 2005-2015 geteilte Elternzeit . Jede Woche 3 Tage Erwerbsarbeit, 3 Tage Erziehungsarbeit im Wechsel, Sonntags frei. Ohne Oma in der Nähe. Es war ein Kraftakt. Heute sind meine Kinder in der Pubertät und ich scheitere jeden Tag wie andere Väter am Widerstand meiner Kinder. Es sind die eigenen Vaterthemen, die mir meine Kinder spiegeln. Vaterschaft schafft Raum zu Lernen, ein Leben lang.

Heute lernen wir kollektiv aus den modernen Matriarchatsforschung, dass unserer Vorfahren als Männer und Väter viel intensiver und liebevoller in die Begleitung der Kinder auf dem Weg ins Leben eingebunden waren. Die gütige und liebevolle Vaterschaft gilt es zu rekultivieren. 

Mein Vater und ich

Vater(un)frieden

Mein Vater wollte ein guter Vater sein. Er war 21 Jahre alt, als ich zur Welt kam. Er gab seine Liebe und seinen Schmerz  weiter. So, wie er es von seinem Vater gelernt hatte. 

Beruflich war er viel unterwegs. Wenn er nach Hause kam, veränderte sich die Stimmung. Er war laut. Das Laute und die „Zurechtweisungen“ mit Worten und Händen waren es, wovor ich  als kleiner Junge große Angst hatte. Ich begann, meinen Vater für seine Gewalt zu verachten und lebte im Unfrieden mit ihm. 

Seine Liebe blieb mir so verborgen. Heute bin ich überzeugt, dass jeder Vater sein Kind in der Tiefe seines Herzens liebt und in jeder Situation das Beste gibt, was ihm im Rahmen seiner persönlichen Reifung möglich ist.

Wie der Vater, so der Sohn

Sport war Vaters Leben. Mit fünf Jahren konnte ich nicht schwimmen. „Egal“ sagte er, band mir seine Schwimmweste um und stellte mich auf seine Wasserski. „Halt dich fest, bleib locker in den Knien und halt die Körperspannung.“ Ich wollte später sein wie Vater: Eine Sportskanone. 

Vatertod

Der Tod des Vaters ist für jeden Menschen eine Prüfung. Ich war neun Jahre alt, als er starb. Die Trauer über diesen Verlust konnte ich erst nach mehreren Jahrzehnten spüren.

Ich wuchs als Vaterloser auf. Als ein Junge, dem die liebevolle Begrenzung fehlt. Als junger Mann, der in jedem anderen Mann Konkurrenz erkennt und beim Anblick von Frauen in Eroberungsphantasien schwelgt. Als erwachsener Mann, der im Job Schwierigkeiten mit Chefs hat und alles allein machen will. Als einer, der nach Anerkennung dürstet. 

Erst das Erforschen der Geschichte meines Vaters und meiner Großväter hat mein Verständnis für ihr Sosein ermöglicht. 

Heute danke ich meinen Vätern und Müttern zutiefst. Ich spüre ihre Kraft im Rücken uns ihre Liebe im Herzen.

Die Geschichte meiner Väter

Kriegskind 1945

Mein Vater Claus wurde im Juni 1944 in Sachsen geboren. Er blieb das einzige lebende Kind, sein älterer Bruder starb als Baby 1942.

Sein Vater Fritz war Soldat an der Ostfront und kehrte erst im Mai 1945 als Invalide zurück. Claus wurde fast ein Jahr alt, als er seinen Vater zum ersten Mal sah.

Fritz hat wenig von der Front erzählt. Kursker Bogen, Panzerschlacht, Schützengraben waren die Stichworte. Er sagte nur: „Junge, Krieg ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann.“

Norm fügt Form

Schule als Ort der Normierung von Kindern in wechselndem Zeitgeist hinterlässt Narben in den Seelen der Töchter und Söhne. Disziplin, das Brechen des kindlichen Willens und strikte Unterwerfung unter die Deutungshoheit der „Respektspersonen“ war für den Lehrer meines Vaters noch die Norm in seiner Kindheit. 

Wieviel Gewalt hat er weitergegeben? Wurden die Kinder in den fünfziger Jahren in der Schule verprügelt, angeschrien und erniedrigt wir ihre Eltern in der Kaiserzeit? Die Prügelstrafe war zwar abgeschafft, die Idee der Normierung der kleinen Staatsbürger jedoch Programm.

Die Norm reißt Kinder aus ihrem natürlichen Sosein, aus ihrer göttlichen Form. Sie passen sich an, um zu überleben. Claus (1.R.M.r) schaut finster in die Kamera. 


Pionierlager

Die Lager der Thälmann-Pioniere mit Sport und Spiel in der Natur, Fahnenappellen, vormilitärischer Bildung und politischer Indoktrination waren Programm in der DDR für Jahrzehnte.

Die Kinder sollten „für Frieden und Sozialismus“ leben lernen und „immer bereit“ sein, „die ´Sache´ der Arbeiterklasse“ im „Arbeiter und Bauernstaat“ mit ihrem ganzen Wesen zu bewahren. 

Was geschieht auf unbewusster Ebene in den Herzen der Kinder, wenn ihre Bezugspersonen von früh bis spät in diesem Stil mit ihnen sprechen? 

Leistung

Claus wurde Leistungssportler, war Olympiakader im Biathlon. Später studierte er Sport auf dem zweiten Bildungsweg und wurde Biathlon-Trainer. Das Leisten und Messen erfasste mich als Sohn und durchdrang den Alltag meiner Kindheit. Werte und Gewohnheiten übernahm ich so von ihm. 

Den letzten Abend seines Lebens verbrachte er mit Kollegen auf einer Dienstreise. Wie das so ist unter Männern: Kippchen, Bierchen, spät ins Bett. Am nächsten Tag auf der Autobahn sah er den panierten LKW auf seiner Spur zu spät. Er starb sofort mit 32 Jahren.  

Die Trauer über den Verlust meines Vaters konnte ich erst vier Jahrzehnte später in ihrer Tiefe erleben. 

Der Vater meines Vaters

Kriegskind 1914

Mein Großvater Fritz (2.v.r.vorn) wurde 1909 in Klingenberg/Sachsen in einer Handwerkerfamilie geboren. Sein Vater (hinten stehend) verlor zwei Brüder im 1. WK. Einer blieb in der „Blutpumpe“ (Volksmund) von Verdun, der andere starb zu Hause am Wundbrand einer Beinverletzung in den Armen seiner Frau.

Was mag in einem Kind vorgehen, wenn es Frauen um Männer, Vater um Brüder und Großeltern um die Söhne weinen sieht?

Diese Erfahrung prägte das Leben der Kinder. Gemeinsam mit seinem Bruder Walter (3.v.l.) wuchs er mit dem Wunsch auf, sich für den Frieden in der Welt einzusetzen.

Naturfreunde

Die Liebe zur Natur verband meinen Großvater Fritz (2.v.r.) mit seinem Bruder Walter (r.) seit ihrer Jugend. Als Naturfreunde begannen sie 1923, sich mit Gleichgesinnten zu organisieren. Später schlossen sie sich dem Arbeitersportbund an.  

Arbeiter

Neben der Arbeit im Handwerk betrieb die Familie Landwirtschaft. Das Bild zeigt meinen Urgroßvater Bernhard mit seinen Söhnen Fritz und Walter. 

Während der Weltwirtschaftskrise 1929 verloren die Jungen ihre Arbeit als Holzbildhauer und Zimmermann.

Sie verließen ihre Heimat und gingen auf „Dippelei“, so nannten sie die Wanderschaft. Bis nach Italien führte sie der Weg. Als Tagelöhner verdienten sie ihr Geld.

Der Ärger über dieses unsichere Leben mobilisierte ihr Engagement in der Arbeiterbewegung. Sie traten der KPD bei und wurden ab 1930 aktive politische Widerstandskämpfer gegen den Faschismus. 

Euthanasie

Im September 1937 wurde die Mutter von Fritz und Walter mit einer Depression in die Nervenheilanstalt Pirna Sonnenstein eingeliefert.

Zwei Wochen später war sie euthanasiert .

Heute wissen wir. dass Frieda im Rahmen der Versuche mit Zyklon B beim „Probegasen “ (Volksmund) umkam.

In den vierziger Jahren wurde der Krankenmord auf dem Sonnenstein im großen Stil organisiert. Das ehemalige Schloss ging nach dem Krieg als Tötungsanstalt in die Geschichtsbücher ein. 

Waldheim

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden Fritz und sein Bruder Walter 1933 verhaftet und wegen ihrer politischen Aktivitäten zu 4 Jahren Zuchthaus in der Strafanstalt Waldheim verurteilt.

Fritz kam im September1937 frei, das Bild zeigt die Blumen anläßlich seiner Heimkehr.

Sein Bruder Walter wurde von der im KZ Buchenwald in „Schutzhaft“ genommen. Dort war er am Aufbau des Lagers mit tausenden anderen Häftlingen beteiligt.

Buchenwald

Am 20.4.1939 kam es anlässlich des 50. Geburtstages von Adolf Hitler zu einer Amnestie im KZ Buchenwald . Jeder 50. Häftling durfte beim morgendlichen Zählappell vortreten. Die Gefangenen bekamen die Auflage, innerhalb von zwei Stunden Weimar zu verlassen. Sie griffen ihre Sachen und rannten die acht Kilometer vom Lagertor zum Bahnhof. So kam Walter frei.

Zu Beginn des Krieges waren Walter (3.v.l.) und Fritz (4.v.l.) als verurteilte Nazigegner als „wehrunwürdig“ eingestuft. Erst 1942 wurden sie eingesetzt. Walter in der Strafdivision 999, Fritz als Infanterist an der Ostfront. Beide überlebten den Krieg. 

Das Bild zeigt Urgroßvater Bernhardt mit seinen Kindern Lotte, Walter, Fritz, Alfred und Curt am 1.Mai 1939 zur Wiedersehensfeier der Familie Schubert.

Meister

Opa Fritz (links) wurde Steinmetz. Er begann 1938 bei seinem Bruder Curt in Berlin an großen Sandsteinfiguren zu arbeiten.

Nach dem Krieg arbeitete er als Meister im VEB Elbenaturstein Dresden bis zu seiner Pensionierung als Steinmetzmeister.

Den Wiederaufbau der Stadt begleitete er mit Sandsteinfiguren am Dresdner Zwinger und im Großen Garten.

Vorbild

Opa Fritz war mein Held. Seine Geschichte prägte mich. Als mein Vater starb, wurde er die erste männliche Bezugsperson für meinen Bruder und mich. 

Seine Sicht auf die Welt, seine Glaubenssätze und eine dienende Haltung im Leben prägten mein Denken und Handeln tief. 

Im Alter war er ein milder und gütiger Mann, der mit seiner Warmherzigkeit und einer versöhnlichen Weltsicht im Frieden mit seiner Geschichte lebte.

Fritz wurde 104 Jahre alt. 

Der Vater meiner Mutter

Unternehmer

Mein Großvater Werner wurde 1906 in eine Familien von Zeitungsmachern in Altenberg/Erzgebirge hineingeboren. Sein Vater (hinten) hatte von seinem Vater einen Druckereibetrieb übernommen und produzierte eine Lokalzeitung. 

Mein Opa verlor seinen Vater im Altern von 16 Jahren 1922. Er trat das Familienerbe an und lernte im väterlichen Betrieb den Beruf des Schriftsetzers.

Genau wie sein Vater war Werner im Schützenverein aktiv und sehr heimatverbunden. 

Zeitungsmacher

Der Bote vom Geising “ wurde Familientradition in der 3.Generation. Werner wuchs nach einer Lehre und der Meisterprüfung 1932 in die Rolle eines Unternehmers hinein. 

Als Journalist, Redakteur und Verleger in Personalunion wurde er dem Ruf des „Boten vom Geising“ als beliebte Heimatzeitung in Altenberg und Umgebung gerecht. Sein Großvater hatte 1866 unter schwierigen Bedingungen der preußischen Besetzung Sachsens das Unternehmen gegründet und mit seinem Sohn die Vorarbeit für das Schaffen seines Enkels geleistet.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten führten die Gesetze zur Gleichschaltung der Presse und das Schriftleitergesetz ab 1933 zu eingeschränktem Journalismus. 1939 trat Werner in die NSDAP ein. 

Im Mai 1945 wurde die Druckerei mit Wohnhaus durch Brand und Bombardierung der Stadt Altenberg zerstört. Ein russischer Volltreffer verwandelte das Gebäude am 8.Mai 1945 in einen Schutthaufen.

Waldheim

Im Sommer 1945 begann die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone. Werner wurde gewarnt und man riet ihm, in den Westen auszuwandern. Er blieb seiner Familie und dem Erzgebirge treu. Im Januar 1946 verhafteten NKWD-Mitarbeitern ihn zu Hause.  

Er verbüßte 4 Jahre Schweigehaft in den sowjetischen Speziallagern Nr. 1 u. 2 in Mühlberg und Buchenwald. Schweigehaft bedeutet, dass die Angehörigen keine Informationen über den Verbleib der Gefangenen bekamen. Der Kontakt zur Außenwelt war abgeschnitten und die Kommunikation der Insassen untereinander stark reduziert.

Mit Gründung der DDR im Jahr 1949 wurden die Speziallager von den Sowjets aufgelöst. Ein Teil der Gefangenen wurde entlassen, das andere Teil in die Strafanstalt Waldheim verbracht.

Im Rahmen der Waldheimer Schauprozesse wurde Werner 1950 ohne Verteidiger in einer halbstündigen Verhandlung zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Urteil wurde 1992 nach der deutschen Wiedervereinigung als Unrecht revidiert.

Mit einer Amnestie wurde Werner 1952 entlassen. Die restliche Strafe verbüßte er als Arbeiter im Zinnbergwerk Altenberg. Neben dem Broterwerb studierte er in Leipzig Drucktechnik und schloss 1957 als Buchdruckingenieur ab. 

Enteignung

Das Haus der Familie baute Oma Dora (1.R.l) ab 1946 allein mit drei Kindern und Helfern aus der Familie wieder auf, während Werner (1.R.r.) im russischen Schweigelager saß.

Das Waldheimer Urteil von 1950 sah die Enteignung des gesamten Privatvermögens vor. Das neu aufgebaute Haus ging an den Staat. Die Familie wohnte im eigenen Haus zur Miete. Die Schulden für das Baumaterial blieben erhalten. Werner hat sie als Ehrenschulden betrachtet und nach seiner Haftentlassung zurückbezahlt. 

Das Bild von 1957 zeigt den Hauseingang. Was mag in Werner vorgegangen sein, als der Name seines Lehrlings in dicken Lettern über der Tür prangte? 

Werner hat geschwiegen über die Zeit in der Haft. Es war unter Androhung drakonischer Strafen verboten, von den Erlebnissen zu erzählen. 

Er starb 1990. Seine Rehabilitierung, die Kassation des Waldheimer Urteils, eine Entschädigung und die Rückgabe des Hauses unter bundesdeutschem Recht im Jahre 1992 hat er nicht mehr erlebt. 

Vorbild

Das Gefühl für de Vorbild-Rolle meines mutterseitigen Großvaters hat sich bei mir erst in meiner fünften Lebensdekade eingestellt. Meine Kindheit in der DDR verbrachte ich in dem Glauben, Opa Werner wäre ein zu Recht verurteilter Täter. Ein Anti-Held. Vierzig Jahre später wird das Urteil in der BRD als Unrecht erklärt.

Erst jetzt fließt die Kraft aus meiner Mutterlinie mit Qualitäten wie Unternehmertum und Hingabe an das geschriebene Wort. Dafür bin ich sehr dankbar.

Jeder Mensch versucht in der Begrenztheit seiner biographisch bedingten Perspektiven auf das Leben sein Bestes zu geben. 

Es ist an uns Nachgeborenen, das Erbe unserer Ahnen mit seinen lichten und schattigen Aspekten in seiner Ganzheit anzunehmen. 

Hochzeit – Einheit der Gegensätze

Unter allen Dingen fließt die Liebe. Als meine Eltern 1966 heirateten, trafen zwei Familien aufeinander, die unter jeweils wechselseitigen Diktaturen 12 Jahre Haft und politische Verfolgung ihrer Väter erlebten. 

Werner (2.v.l.), der Vater meiner Mutter, wurde 1945-1957 von den Kommunisten für seine nationalsozialistische Weltsicht politisch verfolgt und verbüßte Haftjahre in der Strafanstalt Waldheim.

Fritz (r.), der Vater meines Vaters, wurde 1933-1945 von den Nationalsozialisten für seine kommunistische Weltanschauung politisch verfolgt und verbüßte Haftjahre im Zuchthaus Waldheim. 

Beide Männer brauchten ein paar Jahre der Annäherung. In der Tiefe verband sie eine ehrliche Achtung voreinander. Ihre Begegnungen erlebte ich als etwas sehr Besonderes. Fritz sagte: „Werner, schön dich zu sehen“ und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Werner begann ebenfalls zu lächeln und sagte: „Ja Fritz, freut mich auch dich zu sehen.“ Ein erhabenes Heben der Männerköpfe, ein weiteres wortloses Nicken und ein unbeschreiblicher Glanz in den Augen meiner Großväter hat meine Seele in diesen Momenten auf ihrem Grund berührt. Diese Männer kannten den Wert der Freiheit und des Friedens.

Erst heute, vierzig Jahre später, kann ich nach der Einsicht in Prozeßunterlagen und persönliche Besuche im Gefängnis Waldheim erahnen, was diese Väter durchlebt haben. Der Blick auf diese dramatischen Zeiten hat sich geändert. 

Heute sind wir Erben eingeladen, mit Mitgefühl auf die lange Reihe unserer Vorfahren zu schauen. Erst die Versöhnung mit unserem kriegerischen patriarchalen Erbe und die Anerkennung der traumatischen Wirkung von Gewalt auf unsere Seelen wird uns heilen. 

Du und ich, wir können den Frieden in uns rekultivieren, der uns von Natur aus innewohnt.