Patriarchat, Krieg und Mangel

Wenn der Krieg der Vater aller Dinge sein soll, dann ist der Frieden die Mutter allen Daseins. 

Dinge vergehen, Dasein verweilt. 

Carsten Schubert

Der Begriff Patriarchat steht für das lateinische Wort pater (Vater) und das griechische Wort arché (Anfang, Prinzip oder Ursprung). Den Mann als den Urstoff des Lebens zu verstehen ist ein kulturelles Rollenkonstrukt. Der Vaters an der Spitze einer vertikal organisierte Gesellschaft und die gewaltsame Herrschaft der Herren über Frauen, Kinder und Besitz ist eine Erfindung der Männer. Der Anthropologe Carel van Schaik und der Bibelforscher Kai Michel haben in ihrem „Tagebuch der Menschheit“ diese Zusammenhänge dargestellt. 

Demnach begannen unsere Ahnen vor rund 15.000 Jahren im „Fruchtbaren Halbmond“, der Region südlich des Mittelmeeres, seßhaft zu werden. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht. Ein Klimawandel vor rund 8.000 Jahren trocknete die Böden aus und zwang unsere Ahnen zur Erkundung neuer Weideflächen. 

Konflikte mit seßhaften Nachbarn führten zum strategischen Einsatz von Gewalt. Die lineare Logik des „schneller, höher, weiter“ kommt aus dieser Zeit. Der Stamm mit den meisten Kriegern und den besseren Waffen hatte die Macht, seine Gegner zu unterwerfen. Als marodierende Reiterhorden überfielen Männer im Laufe der Jahrtausende ihre Nachbarn und zerstörten matriarchale Strukturen.

Aus der Epigenetik wissen wir heute, dass Gewalt ein Trauma erzeugt, das über verändertes Erbgut an die nächste Generation weitergegeben wird. Der Mensch entfernte sich so über die Jahrtausende immer mehr von seiner ursprünglichen inneren Natur. Er verlor das Gespür für sein untrennbares Eingebundensein in die äußere ihn nährende Natur und das ganze Universum.

Die patriarchale Illusion linearen Wachstums und kriegerische Ausbeutung der Erde hat uns heute global und kollektiv an einen Punkt in der Menschheitsgeschichte geführt, der zum „Umdenken und Umhandeln“ zwingt. Die kritische Patriarchatsforscherin Claudia von Werlhof nennt dieses Phänomen die „Er-Schöpfung der Welt“, eine Reise in den Omnizit. 

Wenn wir anerkennen, dass die patriarchalen Strukturen aus der Not einer Klimaänderung entstanden sind und genauer untersuchen, wie Gesellschaften vorher friedlich funktioniert haben, wäre eine neue Sicht auf das Leben möglich. 

Ist die Klimaerwärmung der äußeren Natur mit einer Klimaerwärmung der inneren Natur im Sinne einer Erwärmung der menschlichen Herzen zu kompensieren?

Ist eine Heilung der Traumas unserer Vorfahren möglich, indem wir diese Wunden nachträglich betrauern und damit transformieren?

Ist der heilige Umgang mit allem Leben, so wie es unsere Ahnen für Jahrhunderttausende praktizierten, der Ausweg?

Matriarchat, Frieden und Fülle

Erst das Wissen, dass vor den diversen patriarchalen Gesellschaften eine ganz andere Gesellschaftsordnung allgemein war, öffnet die Augen für eine differenziertere Betrachtung der menschlichen Kulturentwicklung und ebenso für die kulturbegründete Rolle der Frauen.

Heide Göttner-Abendroth

So lange Frauen an der Macht waren, fraute Frieden. Seit die Herren dran sind, herrscht Krieg. Das Matriarchat steht für mater (lateinisch: Mutter) und arché (griechisch: Anfang oder Ursprung). Das menschliche Leben beginnt im Schoß der Frau, das war für unsere Ahnen seit Urzeiten göttlich verehrtes Urprinzip. Auch die Erde wurde als Mutter (Gaia) betrachtet, der Himmel als polares männliches Gegenstück eines alles durchdringenden Universums.

Die biblische Geburt der Frau aus der Rippe des Mannes haben Carel van Schaik (Anthropologe) und Kai Michel (Bibelforscher) in ihrem „Tagebuch der Menschheit“ als geschicktes Marketing des Patriarchats hergeleitet. Der Mensch als „Krone der Schöpfung“ hat das über hunderttausende Jahre gewachsene spirituelle Selbstverständnis des Menschen als untrennbaren Teil des ganzen Universums verdrängt.  

Die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth beschreibt vier Ebenen mutterrechtlicher Gesellschaften, die heute außer in Europa auf allen Erdteilen praktiziert werden. 

Wirtschaft: Land und Häuser, von Frauen verwaltet, sind Eigentum des Clans. Als Hüterinnen sind die Mütter für eine gerechte Verteilung der Dinge des Lebens zuständig. In einer Ökonomie des Schenkens zirkulieren Wirtschaftsgüter zwischen den Sippen.

Politik: Eine Konsensgesellschaft ohne Staat. Es gibt ein Rätesystem. Über Familienräte im Clanhaus, Dorfrat und Stammesrat werden Entscheidungen im Konsens ausgehandelt. So ist wird jeder Einzelne gehört. 

Soziale Ebene: Das Matriarchat ist eine nicht-hierarchische, horizontale Verwandschaftsgesellschaft in der Mutterlinie. Es gilt Matrilokalität, die Familie wohnt im Haus der Mutter. Männer sorgen sich als soziale Väter um die Kinder ihrer Schwestern. Die biologische Vaterschaft spielt keine Rolle. Im Rahmen einer „Besucherehe“ wählen Töchter ihre Geliebten aus anderen Clanhäusern und laden sie auf Besuch ein.

Kultur: Eine sakrale Gesellschaft, alles Leben ist eingebunden in eine göttliche Ordnung. Arbeit ist wie Sex oder Essen ein Ritual mit spiritueller Anbindung an das große Ganze. Es gilt die Religion der Wiedergeburt, Kinder werden als wiedergeborene Ahninnen und Ahnen verehrt. Das rhythmisches Weltbild und zyklisches Denken ist an Jahreskreisläufe und Vegetationsphasen in der beobachteten Natur angepasst. Kosmos und Anderswelt werden verehrt.