Carsten Schubert

Die Versöhnung mit meinem Vater hat mir den Zugang zur Güte der männlichen Wurzeln eröffnet. 

Mein Vater und ich

Mein Vater wollte ein guter Vater sein. Er war 21 Jahre alt, als ich 1966 geboren wurde. Er gab das weiter, was er von seinem Vater über das Mannsein gelernt hatte. 

Beruflich war er als Sportler und Trainer im Biathlon viel unterwegs. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn vermisst habe. Wenn er nach Hause kam, veränderte sich die Stimmung. Er war humorvoll und laut. Das Laute und die „Zurechtweisungen“ waren es, wovor ich als kleiner Junge Angst hatte.

Die Liebe meines Vaters blieb mir so verborgen.

Heute bin ich überzeugt, dass jeder Vater sein Kind in der Tiefe seines Herzens liebt. Manchem bleibt diese Liebe ein Leben lang unter tiefen Schichten über Generationen vererbter Wunden verborgen. 

Wie der Vater, so der Sohn

Sport war Vaters Leben. Mit fünf Jahren konnte ich nicht schwimmen. „Egal“ sagte er, band mir seine Schwimmweste um und stellte mich auf seine Wasserski. „Halt dich fest, bleib locker in den Knien und steh gerade.“ Ich wollte später sein wie Vater: Eine Sportskanone. 

Vatertod

Der Tod des Vaters ist für jeden Menschen eine Prüfung. Ich war neu Jahre alt, als meine Mutter am Abend eines langen Sommertages in das Kinderzimmer meines Bruders und mir kam und sagte: „Vati ist tot.“

Die Trauer über den Verlust meines Vaters konnte ich erst nach mehreren Jahrzehnten spüren. Ich wuchs als Vaterloser auf. Als ein Junge, dem die liebevolle Begrenzung fehlt. Als junger Mann, der in jedem anderen Mann Konkurrenz erkennt und beim Anblick von Frauen in Eroberungsphantasien schwelgt. Als erwachsener Mann, der im Job Schwierigkeiten mit Chefs hat und alles allein machen will. Als einer, der nach Anerkennung dürstet. Erst das Erforschen der Geschichte meiner Väter hat mein Verständnis für ihr Sosein ermöglicht.