Gedicht einer Versöhnung

Vater 

 

Vater, ich hasse dich.

 

Bist so groß und alt und so voll von Gewalt.

Wieso hast du Recht? Bin doch nur echt.

Dein Blick so leer, deine Hand so schwer,

mein Blut rinnt dahin, über mein Kinn.

 

Vater, ich verfluche dich.

 

Schreist mich an in schäumendem Zorn, die Faust vorn.

Schluck runter die Scham, geh gebeugt vor Gram.

Meine Seele tut weh, mein Herz kalt wie Schnee.

Woher dein Geschimpf? Bin doch erst fünf.

 

Vater, ich brauche dich nicht.

 

Bist endlich tot, kein Arsch wird mehr rot.

Keine Angst mehr vor Noten, von Lehrern geboten.

Endlich Ruh´ im Haus, mit dir ist´s aus.

Es gibt nichts zu bereun´, bin doch schon neun.

 

Vater, ich verachte dich.

 

Will nie sein wie du, der immerzu

bestimmt und sich nimmt

was er will und mit Drill

Leistung erbringt und Orden erringt.

  

Vater, ich bin jetzt Geselle.

 

Im Handwerk ödet mich das Tagwerk.

Leist´ pflichtige Fron für fronigen Lohn.

Es geht voran, doch mein Chef schreit mich an.

Wie kann das sein? Ich hasse das Schwein.

 

Vater, ich tret´ deine Stapfen.

 

Mach spät Abitur, folg spießiger Spur.

Bin voller Gier und studier´

für Karriere auf Leitern, die keinen erheitern

für Titel und Status und Haus mit Kaktus.

 

Vater, ich hab´ Hochzeit heute.

 

Seh´ viele Leute doch in der Meute

fehlst du und ich find keine Ruh.

Vor dem Altar spüre ich klar

die Lücke in mir, unfüllbar mit Bier.

 

Vater, mein Kind ist jetzt fünf.

 

Hab´s angeschrien und weine auf Knien.

Seine Augen so klar, sein Lachen so wahr,

seine Fragen so echt, mein Sagen so schlecht.

Kann´s nicht lassen pur, als Kind der Natur.

 

Vater, ich verstehe dich heute.

 

Jetzt spür´ ich die Not, die dir gebot

dein Kind zu drillen gegen seinen Willen.

Du warst auch mal klein, gefügt in Reih´n.

Hast geweint ohne Tränen und solltest dich schämen.

  

Vater, dein Vater hat wie sein Vater geschluckt.

 

Seit achttausend Jahren gilt das Gebaren.

Der Vater hat recht, was er sagt ist echt.

Kinder soll´n nicht mucken und wenn sie zucken

setzt´s Prügel als humanes Übel.

 

Vater, ich seh´ deine Geschichte.

 

Die Zucht hat dich Stück für Stück aus deiner Mitte verrückt.

In fremde Form aus tradierter Norm.

Hast gerungen um Lorbeer´n, wolltest den Sieg ehr´n.

Warst sehr fleißig und wurdest nur zweiunddreißig.

 

Vater, hattest den Krieg in den Knochen.

 

Als du geboren hat dein Vater geschworen

unter Geschützgarben im russischen Graben:

Nie wieder Krieg, dem Frieden den Sieg.

Er aß Frontfraß und seine Mutter verreckte im Gas.

 

Vater, trugst im Herz gespeicherten Schmerz.

 

Die Wut deiner Ahnen brach durch dich sich Bahnen

Die Ohnmacht der Kleinen, die nie durften weinen.

Ihr Hass steckt im Leidfass,

das ich von dir erb´ auf Gedeih und Verderb.

 

Vater, heut wein´ ich für dich.

 

Die Vaterwunde eitert Stunde für Stunde

in Töchtern und Söhnen, die unter Zucht stöhnen.

Und Millionen von Generationen

tragen im Herz einen alten Schmerz.

  

Vater, ich leb´ den Krieg unsrer Väter.

 

Wie du ohne Schuld weis ich dem Schlachten die Huld.

Gegen Tiere und Nachbarn, gegen Bäume und Nachfahr´n.

Mach Mutter Natur zur humanen Hur´

geschändet rabiat vom Patriarchat.

 

Vater, ich schwindle in Tränen

 

Kann´s nicht seh´n wenn die Gekrümmten fleh´n.

Um Güte im Wort am Arbeitsort.

Um Liebe im Duktus und Geld und Status.

Um Ruhm und Ehre gegen innere Leere.

 

Vater, ich neige mein Haupt.

 

Will mich nicht scheun´, es gibt viel zu bereun´.

Mein Groll macht mich toll 

und ich roll Zoll für Zoll

den Schmerz unserer Ahnen über des Schicksals Bahnen.

 

Vater, vergib mir.

 

Hab dein Bild in der Hand und an meiner Wand

hängt deine Uhr und mir bleib nur

dich zu tragen im Herzen und unter Schmerzen

fällt es mir ein: All das Lichte an deinem Sein.

 

Vater, ich danke dir.

 

Für deine Umarmung in ganzer Erbarmung.

Für dein Lachen beim feiernden Krachen.

Für dein Vorbild das heut in mir gilt.

Für deine Lehre erweis ich dir Ehre.

 

Vater, ich spür jetzt meine Kraft.

 

Bin voll Stolz aus deinem Holz.

Kann dich fühlen im Rücken, wenn Lasten mich drücken.

Kann auf dich bau´n und dem Leben trau´n.

Deine nährende Kraft ist meines Daseins Saft.

 

Vater, ich wage es jetzt.

 

Das Leben in Fülle unter meiner Hülle.

Meine Maske fällt und drunter erhellt

der Liebe Licht, was aus dem Dunkel bricht.

Will meine Schatten mir endlich gestatten.

 

Vater, ich sehe!

 

Mir scheint klar wie nie, alles im Leben ist Energie.

Wir schwingen, wenn wir mit Dingen ringen.

Die Schönheit der Welt ist ein kosmisches Feld,

wer das erhält ist der wahre Held.

 

Vater, ich ring´ für den Frieden.

 

Wie uns´re Ahnen es rieten soll Natur uns gebieten.

Was gut ist und redlich, wahrhaftig und menschlich.

Für Mann und Frau und Jung und Grau.

Eine Welt baun´ die Frieden hat, wie einst im Matriarchat.

 

Vater, ich liebe dich.

 

Dein Sohn

 

Carsten Schubert

In tiefer Liebe

Für meinen Vater Claus